1968 – Christine und die Frauenbewegung

christine

Christine F. sandte uns den folgenden Artikel. Wir bedanken uns für den Text und das Foto!

*
An diesem Dienstag hatte ich keine Abendwache im Krankenhaus, und zusammen mit meiner Freundin Helene war ich in die Stadt gegangen. Wir wollten eine Runde drehen und sehen, ob es interessante Bücher im Laden hinter dem Brunnen gab.
Vor einiger Zeit hatten wir zusammen „Weiblichkeitswahn“ von Betty Friedan gelesen und waren beeindruckt davon, wie dort mit der typischen Frauenrolle abgerechnet wurde.
Das beschäftigte uns und wir wollten mehr darüber erfahren.
Auf dem Weg zum Buchladen stellten wir fest, dass ein Demonstrationszug den Hügel hinaufzog.

Wir blieben auf dem Bürgersteig stehen und sahen, wie junge Frauen und ein paar Männer mit Spruchbändern vorbeimarschierten. Es ging um Emanzipation, um „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ und es ging um etwas, das „N.O.W.“ hieß und von dem weder Helene noch ich wussten, was das war.
Wir überlegten, ob wir vielleicht einmal versuchten sollten, Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ in die Hände zu kriegen, um mehr über die ganze Sache in Erfahrung zu bringen.
Denn wir wollten mitreden können.
Wir standen dort, schauten den Demonstranten zu und beratschlagten, als plötzlich ein junger Mann mit dunklem Bart und Lederjacke einen Schmerzensschrei ausstieß und gegen einen Fahrradständer stürzte.
Sein Spruchband, auf dem in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund „Solidarität“ stand, fiel zu Boden.
Er setzte sich auf die Bordsteinkante, zog den Schuh aus und wir fragten, ob wir ihm helfen könnten.
„Wir sind Krankenschwestern,“ sagte ich.
Wir sahen, dass der Knöchel deutlich angeschwollen war und halfen ihm auf.
Er humpelte mit uns zum nahegelegenen Cafe, wo wir ein nasses Tuch erbaten, es ihm um den Knöchel wickelten und zusammen eine Tasse Kaffee tranken.

Aber damit war die Geschichte noch nicht zu Ende, sondern an diesem Tag begann sie erst.
Ab sofort waren Helene und ich nicht mehr nur Zuschauerinnen bei Demos. Und Klaus und ich verbrachten zusammen zwei glückliche Jahre, die mir bis heute unvergessen sind.
(Christine S.)

Mehr über die Frauenbewegung gibt es hier bei uns zu lesen (bitte klicken):
„Die Frauenbewegung der 60er Jahre“

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