1969 – „The Eagle Has Landed!“

fernsehschwesterMartha Frei aus Bayern sandte uns den folgenden Artikel über ihr ganz persönliches Raumfahrt-Fieber. Wir bedanken uns!

Mit Zwölf war ich ein schlaksiges, hoch gewachsenes und ungelenkes Wesen mit riesigen, dunklen, verträumten Augen, einem dicken, dunkelbraunen, wirren Haarschopf, überlangen Armen und Beinen. Ich hatte große Schwierigkeiten, mich im Leben und mit den Menschen zurecht zu finden.

Ich lebte in einer Phantasiewelt, in meinen Tagträumen war ich ein Held, war Little Joe von Bonanza, Commander McLain von der Raumpatrouille Orion, Ken, der um sein Stutfohlen Flicka bangen muss, ein junger Polizist in Los Angeles, war Bronco, der Knabe Luke, Herr des klugen Delphins Flipper – oder ein kühner Astronaut im gefährlichen, unmenschlichen, kalten Weltraum…

In den Sechzigern grassierte weltweit das Raumfahrt-Fieber, jeder bemannte, amerikanische Raketenstart wurde live übertragen.
Mein Vater und ich hingen stets vor Begeisterung vor dem klobigen, beinahe schrankgroßen Röhrenfernseher, wenn sich mit einem Donnern, das die Wohnzimmermöbel erbeben ließ, eine Atlas Agena, Saturn I, und gegen Ende der sechziger Jahre die atemberaubend gigantische Saturn V in das Firmament schoben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir mit verkrampft geballten Fäusten und angehaltenem Atem in den klobigen, mit schwarzem Kunstleder und beigefarbenem Plüsch bezogenen Fernsehsesseln kauerten, als die Besatzung der Apollo 8 Ende Dezember 1968 zum allerersten Mal die erdabgewandte Seite des Mondes überflog.
Eine halbe Stunde lang vernahmen wir außer dem Hämmern unserer Herzen nur das gleichförmige Rauschen aus dem Lautsprecher – es gab ja keinen Funkkontakt.
Dann meldete sich Borman, er und seine Besatzungskollegen Lovell und Anders verkündeten aus dem Weltraum, über 300.000 Kilometer von der Erde entfernt, die Weihnachtsbotschaft – eine Sensation sondergleichen!

Nur sieben Monate später strebten drei Männer – Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins – erneut dem Mond entgegen.
Unsere Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als die Mondfähre über die Krater, Schrunden und grauen Sandwüsten des Trabanten jagte, dem anvisierten Landeplatz entgegen.
Dann, endlich, meldete sich Armstrong mit den dürren Worten: „Houston, the eagle has landed.“
Ich war bis ins Mark erschüttert, aufgewühlt. Meine Mutter befahl voller Strenge: „Du gehst jetzt ins Bett, es ist schon nach Mitternacht!“
Voller Trotz wollte ich aufbegehren, doch mein Vater meinte milde lächelnd: „Geh ruhig schlafen, jetzt tut sich doch eh nichts, die Astronauten ruhen sich aus.“

Ich war sicher, kein Auge zu zu tun, doch irgendwann nickte ich dann doch ein. Und schrak hoch, als Papa mich sanft an der Schulter packte und flüsterte: „Mucki, der Armstrong geht jetzt ‚raus.“
Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und verfolgte gebannt, wie sich die Luke der Raumfähre öffnete, eine unförmige Gestalt wie in Zeitlupe die kurze Leiter hinab stieg, und dann den ersten Fußabdruck eines Menschen in den pudrigen Staub drückte.
„It’s a small step for a man – but a giant leap for mankind.“, so kommentierte Neil Armstrong diesen überwältigenden Moment…

Stunden später trat ich ins Freie.
Es war ein nebelverhangener Tag. Ich starrte um mich, nur sehr langsam die gewohnte Umgebung wahr nehmend, als wäre ich in einem Rauschzustand, in Ekstase. Ich hob den Kopf, versuchte, mit meinen Blicken die feuchten Dunstschwaden zu durchdringen.
Nie, nie wieder wird diese Welt so sein wie zuvor! Nie, nie wieder!
Nun war alles möglich, alles denkbar!
Die Zivilisation, eine glorreiche Zukunft hatten begonnen – der Mensch hatte den Mond erobert. Es war der 20. Juli 1969…

Vielen Dank an Martha Frei für den Text: http://freidenkerin.com
Vielen Dank an Familie Fröhmer für das Foto!

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