1964 – „The Worried Skiffle Gamblers“ aus Mittelhessen

turczak1Von Peter Turczak erhielten wir den folgenden Artikel über den musikalischen Umbruch in Mittelhessen. Wir bedanken uns für den Text und das Foto!
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Die Musik der 60er Jahre war gekennzeichnet von Schlager, Beat , Jazz und Folk.
1964 gab es meine ersten musikalischen Versuche in Mittelhessen. Harte Zeit des Umbruchs. Die ersten Versuche im Duo mit Akkordeon (Klaus Schmidt)und Banjo (Peter Turczak) zeigten deutlich den Zwiespalt: Hier Volksmusik und da der Jazz. Auf der Minneburg, einem längst abgerissenen Kleinod in Wetzlar, übernahm Kurt Reichmann die Regie. Er ist heute der renommierteste Instrumentenbauer von Drehleiern in Deutschland. Er organisierte am 27. Juni 1964 die „1. Skiffle and Folk Party“.

Mit dabei die “Worried Skiffle Gamblers”. Auch hier noch ein Hinweis auf die Unentschiedenheit der Szene, sich zwischen Volksmusik und Jazz zu entscheiden: Ein Gitarrenbanjo wurde gespielt. Dies ist ein Zwitter aus Gitarre und Banjo, der allerdings alsbald wieder in der Versenkung verschwand.
Die Besetzung bestand des weiteren aus den damals typischen Instrumenten: Waschbrett, selbstgebauter Teekistenbass und Gitarre.
Noch im gleichen Monat ging es mit der Gruppe in die Stadthalle von Grünberg zu einem Bandwettbewerb auf Landesebene. Aber irgendwie wollte der Durchbruch nicht gelingen.

Am 4. Juni 1965 wurde in Wetzlar ein Jazzkeller eingerichtet. Im Keller des Domgemeindehauses wurden Wände durchbrochen und einfachste Sitzgelegenheiten geschaffen. Der Eintritt betrug 49 Pfennige.
Sängerin Angi Domdey, die internationale Bekanntheit in der Jazz-Szene erlangte und heute in Berlin lebt, kam damals mit Gitarre und Wanderliedern zu der Skiffle-Gruppe.
Ihre Blues – und Gospellieder kamen an: Auftritte im Westernclub Wetzlar, im Domizil Giessen, selbst in den hohen Westerwald verschlug es die sechs Musiker.
Die Krönung: am 31. März 1967 nominierte die aus Journalisten bestehende Jury in Hamburg die Worried Skiffle Gamblers zum „Deutschen Skiffle Meister“. Welch ein Sieg in der Jazz- und Skifflehochburg Hamburg!

Als das Jahr 1967 zu Ende ging, fiel auch die Gruppe auseinander.
Angi Domdey findet beim Jazz ihre neue Heimat und singt bereits 1968 auf dem ersten Internationalen Jazzfestival on New Orleans.
Peter Turczak führte 1973 die „Lahn River Jassband“ im Giessener Domizil zusammen.
Jeden Donnerstag wurde dort gespielt. 200 Stücke gehörten zum Repertoire der Gruppe.
Die Enge im Keller in der Giessener Braugasse war beängstigend und nach einiger Zeit war der Umzug in die Gaststätte „Fisch-Bernhard“ in den Neuen Bäuen unumgänglich.

Unifeten waren damals der große Renner, aber auch Diskothekenbesitzer machten sich den Trend der Zeit zu Nutze und luden die Dixieband ein.
Die Konzerte auf dem Schiffenberg waren jährlicher Höhepunkt: Weit über 3.000 Besucher kamen auf den Giessener Hausberg.
Die von der Stadt gezahlte „Gage“ reichte genau aus, um das Benzin für die Fahrt und die anschließende bescheidene Mahlzeit auf dem Schiffenberg zu bezahlen.
Mit dieser ersten Besetzung mit Musikern aus Giessen, Marburg und Umgebung wurde eine Langspielplatte in Dillenburg aufgenommen.
Rundfunk und Fernsehen und auch das Finanzamt wurden auf den „Jazz aus der Provinz“ aufmerksam.
Den größten Betrag zahlte damals das Finanzamt nach einer intensiven Betriebsprüfung an die Band aus, da die zuviel gezahlte Mehrwertsteuer an die Gruppe zurückgezahlt werden musste.

Die Giessener Szene zerfiel, Musiker aus dem Rhein-Main-Gebiet kamen zur Band.
Vier weitere Langspielplatten und eine Single „Armenian Souveniers“ wurden aufgenommen. Deutscher Filmball, Bundeskanzlerfest und zahlreiche Fernsehsendungen, wie „Der große Preis“, „Sonntagskonzert“, ZDF -Tele-Illustrierte“ standen zum Teil mehrfach auf der gefüllten Terminliste der Lahn River Jazzband.
Auslandsauftritte kamen hinzu.
Selbst mehrere Tourneen durch die damalige Sowjetunion mit Gastspielen in Moskau und Jerewan gehören zur Geschichte der Lahn River Jazzband, die vor genau 10 Jahren ausgerechnet mit einem Auftritt im Westerwald und Ende des Jahres 1993 mit einem großen gemeinsamen Weihnachtsessen zu Ende ging.

(Peter Turczak)

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