1967 – Eine Handbreit…

zint2mädelsVon Genoveva Maria M. aus Westfalen erhielten wir den folgenden Text. Für das Foto bedanken wir uns bei Günter Zint, PAN-Foto.
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Wir waren drei Schwestern im Teenageralter und wir waren katholisch. Wir waren begeistert von der neuen Minimode, die dank Mary Quant 1966/67 bis in unsere Kleinstadt in Westfalen gelangte. Aber wir hatten damit ein großes Problem. Unsere Eltern waren nämlich der Meinung, dass Miniröcke unsittlich seien und der Verlotterung der guten Sitten Vorschub leisten würden. Also trugen wir schickliche, biedere Kleider, die irgendwo in Kniehöhe endeten, obwohl um uns herum bereits Kleidungsstücke gesichtet wurden, die die Beine ins Rampenlicht rückten.

Ich besaß einen spießigen Pepita-Faltenrock, der, wenn ich aus dem Haus ging, auf dem Knie endete. Dazu trug ich eine peinliche Trachtenjacke. Kaum war ich um die Ecke gebogen, schlug ich den Rockbund ein- oder zweimal um. Dadurch hatte ich zwar immer noch keinen Minirock, aber wenigstens ging das in die gewünschte Richtung.
Eines Tages beschlossen wir drei Schwestern, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wir nahmen die große Schere mit in unser Zimmer, schnitten unsere Kleider drei Zentimeter ab und säumten sie sorgfältig neu. Natürlich fiel das unserer Mutter sogleich auf, aber wir machten ihr weis, dass wir wahrscheinlich noch etwas gewachsen seien.
Danach begannen wochenlange, nein, monatelange Diskussionen. Wir kämpften um jeden Zentimeter Rocklänge bzw. Kürze. Wir weinten, wir kochten vor Wut, waren beleidigt, schlugen mit den Türen, gingen in „Hungerstreik“, wir baten und bettelten.
„Nun gut,“ sagte unser Vater endlich irgendwann, „aber eine Handbreit über dem Knie ist Schluss. Noch kürzer erlaube ich euch nicht.“
Wir rannten in unser Zimmer, setzten uns an den Tisch, legten unsere Hände auf ein Blatt Papier und zeichneten deren Umrisse nach. Dann holten wir ein Lineal. Die jüngste Schwester hatte die breitesten Hände, nämlich 8 cm.
„Eigentlich gehört der Daumen aber auch noch zur Hand,“ stellte sie plötzlich fest.
Aber klar, da hatte sie Recht! Also 9 cm ! Yeah!
Wir waren glücklich.
Unserer Mutter mussten wir jedoch versprechen, dass wir, um nicht respektlos zu erscheinen, zumindest in der Kirche einen Mantel darüber tragen würden.

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