THE SPACEMEN – Eine Band in den 60ern im hohen Norden

spaceman1Von Ralf Fröhlich aus Cuxhaven www.cuxhaven-beat.de erhielten wir den folgenden Text und auch die tollen Fotos. Wir bedanken uns!
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Ein interessantes Thema nicht nur für diejenigen, die es erlebt haben und aktiv, kreativ daran beteiligt waren, sondern auch für die jüngeren Generationen, die etwas über die Entwicklungsgeschichte erfahren möchten. War es doch der Aufbruch der ersten Nachkriegsgeneration in ein Jahrzehnt, das später einmal als die „wilden 60er“ bezeichnet wurde.

Das Umfeld war ja doch sehr spießig und die Atmosphäre eher kleinstadtmäßig muffig. Wohlgemerkt, wir sprechen hier über den Beginn der 60er Jahre.
Der richtige Rock ’n‘ Roll ging an den Jahrgängen ca. 1947 bis 1954 noch etwas vorbei.
Von den älteren Geschwistern und Bekannten bekam man mit, dass es eine Musik-Erscheinung für Jugendliche gab, die jedoch kaum aus dem Radio zu vernehmen war, geschweige denn im entstehenden Fernsehen dokumentiert wurde – und wer hatte schon ein Fernsehgerät?!
Einige Vinyl-Singles von Elvis Presley -natürlich! – Bill Haley, Eddie Cochran, Buddy Holly, Gene Vincent, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis usw.kursierten. In die transportablen, batteriebetriebenen Philipps-Plattenspieler konnte man die ohne Schutzhülle mitgebrachten kleinen, schwarzen Singles in den Abspielschlitz schieben.
Es existierten noch keine Rock ’n‘ Roll-Bands und auch noch sehr lange keine Discotheken. Zu Hause hörte man, was Mutter und Vater einstellten: deutsche Schlager.
Mit den Soldatensendern, wie AFN und BFBS und dann Radio Luxemburg, die man heimlich hörte, zog die erste Musik für junge Leute in die Wohnungen ein.
Von einem Bill Haley-Film >Rock around the clock< war zu hören (!). Nicht zu vergessen sei die rasch folgende, deutsche Rock ’n‘ Roll-Welle mit Conny Froboes, Peter Kraus und Ted Herold. Inzwischen war das Schallplatten-Angebot in dieser Hinsicht etwas interessanter geworden.
Die schwarzen Scheiben gaben doch den wesentlichen Impuls für die Begeisterung. Eltern, Lehrer und sonstige „Vorgesetzte“ stuften die für uns neue, mitreißende Musik als „Hotten-tottenklänge ein, die sie bis ins Mark erzittern ließen.
Wer verfügte schon über ein EIGENES Radio? Bei den Eltern stand die große Musiktruhe mit dem 10er Wechsler oder ein kleiner Kofferplattenspieler, der am Röhrenradio angeschlossen war. Transportabele Kofferradios waren noch nicht verbreitet. Wir suchten uns unsere Nischen!

Hartwig besaß die LP „with the beatles“ (mit dem tollen Robert Freeman Cover-Foto) und einen Koffer-Plattenspieler (Lautsprecher im Deckel). Er verfügte über eine Gitarre und besuchte einige Unterrichtsstunden. Ralf besaß ein Paar Jazzbesen, die er von seinem älteren Bruder geschenkt bekam, hatte Rhythmus im Gefühl und Notenrestkenntnisse aus dem Blockflötenunterricht.
Abend für Abend saßen sie zusammen, hörten wieder und wieder die LP mit den faszinierenden Songs und kamen zu dem einhelligen Beschluß: WIR GRÜNDEN EINE BAND!
Die beiden bemerkten, dass eine Menge Jungs ebenso dachten und genauso mehr oder weniger talentiert waren wie sie. Da war Peter: ein totaler Autodidakt mit einer einfachen Schlaggitarre.
Die raffiniertesten, technischen Tricks, die auf Platten zu hören waren, konnte er nach fleißigem Üben mit nicht zu überbietender Fingerfertigkeit auf seinem Instrument nachspielen und imitieren.
Hartwig ließ sich nach langen Überredungskünsten dazu bewegen, den im Beat so wichtigen Bass zu übernehmen. Kay besaß schon eine richtige E-Gitarre und war nun Rhythm-Gitarrist.
Ralf setzte sich hinter die damals nur aus Fragmenten bestehende „Schießbude“.

Sommer 1964 – Gründung „The Four Scamps“.
Melodien wurden nach den vorliegenden Schallplatten eingeübt und die Songtexte zunächst noch phonetisch übernommen. Später veröffentlichten Musikzeitschriften die Texte und Abdrucke befanden sich auf den Covers der Langspielplatten.
Hartwigs Eltern gehörte eine leerstehende Garage, die sie den Jungs als Übungsraum zur Verfügung stellten. Ihnen fehlte jedoch noch so vieles: Verstärker, Lautsprecher, Mikrofone etc. Erstmal hieß es ja auch üben – üben – üben, bis an einen „gagenträchtigen“ Auftritt zu denken war. So diente ihnen ein altes Röhrenradio als Verstärker inclusive Lautsprecher. Das Mikrofon des Tonbandgeräts musste reichen. Als Stand-Tom-Tom des Schlagzeugs wurde ein großer Pappkarton genutzt, bis er durchgedroschen war.
Glücklicherweise verfügten sie über eine gewisse Portion Musikalität und noch mehr Enthusiasmus. Mehrstimmiger Gesang wurde geprobt, einige Songs selbst „geschrieben“ und mit dem talentierten Sologitarristen ausgefeilt. Günter, ein Pianist, gesellte sich dazu. Im Übungsraum stand zwar kein Klavier, aber er hatte eins zu Hause!
In der Garage griff er dann eben zur Gitarre und es waren nun „The Five Scamps“.
Bald stand schon ein richtiges kleines Repertoire der gängisten Songs fest.
spacemanemblemDoch gab es hin und und wieder einige Personalwechsel: ein Pianist ohne transportables Piano war nicht ideal, Herbert ersetzte Kay und als Sänger kam Eckhard dazu. Der neue Bandname lautete: „The Spacemen“ und sollte in den folgenden Jahren in Cuxhaven und Umgebung ein fester Begriff der Beat-Szene werden.
Langsam aber stetig war das karge Taschengeld und sonstige Zuwendungen in Anlagenteile und Instrumente investiert worden. Wichtig waren das Verständnis untereinander und das Talent für die Musik.

Musikalische Vorbilder gab es ja mittlerweile viele und sie hatten entsprechenden Einfluss auf die Entwicklung und das Repertoire der Band. Nun sollte also der erste Auftritt der „Spacemen“ in der Öffentlichkeit stattfinden.
Die Schülermitverwaltung der Realschule wollte die Band mit ein paar Songs während des Schulfestes auftreten lassen. Der Rektor hatte grundsätzlich einen großen Hass auf diese spacemanemblemblaugesamte „Bewegung“:  jetzt sollten sich die langhaarigen Brüllaffen auch noch beim Schulfest schreiend auf der Bühne wälzen?
Wochenlange Diskussionen wurden geführt und ein „Anhörungstermin“ der Band in der Schul-Aula anberaumt.
Auch die Musiklehrerin wurde herbeizitiert, um hoffentlich aus seiner Sicht Negativ-
Kritik zu üben. Aufgrund ihres freundlichen Nickens jedoch und des Drängens der Schülerschaft genehmigte er schließlich den Fall zähneknirschend.
„The Spacemen“, adrett gekleidet in Jacket und Krawatte, mit zittrigen Knien und Lampenfieber, spielten vier Songs auf der großen Bühne. Es war ein toller Erfolg, obwohl sich eine gewisse Anzahl von Pädagogen mit Grauen abwandte oder sogar den Saal verließ.
spacemanhellNun gings richtig los! Regelmässige Auftritte im Haus der Jugend und, da die Jungs noch keine 18 waren und nicht in den nach und nach entstehenden Musikkneipen auftreten durften, zog man an den Wochenenden über die umliegenden Dörfer und spielte in knüppelvollen, alkoholfreien (!) Sälen nachmittags. Eintritt 50 Pfennig.
Die Bühnen waren wie für ein Volkstheater gestaltet mit Blümchentapeten und Küchenlampen.
Der Stadtjugendring veranstaltete einen „Cola – Ball“ und „The Spacemen“ traten vor 500 Besuchern auf. Auf vorbereiteten Dias wurden sogar Hinterwandprojektonen präsentiert.
Mittlerweile wurden in grossen Hallen Bandwettstreite veranstaltet, bei denen zwar die Sieger immer umstritten waren, aber „The Spacemen“ konnten jeweils überwältigende Publikumserfolge feiern.

spacemanbraunZusätzliche Möglichkeiten gab es für die junge Band auf Riverboatshuffles, die abends auf Fährschiffen an der Elbmündung stattfanden. In einer alten Scheune wurde auf Privatinitiative ein Club für Amateurbands eröffnet, der allen anderen Jugendveranstaltungen sofort den Rang ablief. Er musste jedoch aufgrund zahlreicher Beschwerden kurzfristig wieder geschlossen werden.
Beat-Tanzabende wurden dann auch bei Sport-Clubs, Schulsporthallen u.a. populär.
Wie gesagt: man war noch keine 18 Jahre alt, aber trat dann reizvollerweise illegal doch hin spacemanplakatund wieder in professionellen Musik-Gaststätten auf, was auf keinen Fall die Eltern erfahren durften.
Dort gab es überaus interessante und „weiterbildende“ Kontakte mit tourenden englischen Bands, von denen man viel lernen konnte.

Die Musik, Mode, Ansichten, Lebensform war poltisch, aber man hatte es damals noch nicht erkannt. Es war eine „Abrechnung“ mit der älteren Generation. Man sagte sich, man kann nicht nur schuften wie die Eltern zum Wiederaufbau des Wirtschaftswunders; es muss auch noch etwas anderes geben.
Liebe und Sexualität waren natürlich auch wichtige Themen und Teil der Befreiungsbewegung.
Die vermehrte Eröffnung von Discotheken ließ die Möglichkeit für reguläre Bandauftritte erheblich schrumpfen. Es war eben billiger, einen einzelnen DJ zu bezahlen, als eine ganze Band mit ihrem aufwändigen Equipment. Trotzdem fanden auch weiterhin vereinzelt Live-Konzerte statt.

Ende der 60er hatte die Rock ’n‘ Beat-Generation Cuxhavens die Schule abgeschlossen, die Berufsausbildung absolviert, war der Einberufung zur Bundeswehr oder dem Ersatzdienst gefolgt, hatte das Studium begonnen oder sogar in der Berufsmusik ihre Zukunft gesehen. Einige blieben in der Stadt, viele verließen sie und man verlor sich aus den Augen.
Im Rahmen der Buchrecherchen mit dem Titel: „We got our kicks in CUX `66“ trafen sich „The original Spacemen“ nach 35 Jahren erstmals wieder und beschlossen, trotz örtlicher Entfernung, wieder zusammen Mucke zu machen. Trotz der langen Trennung erwachte spacemanletztessofort wieder der gleiche Ehrgeiz wie früher und auch die Rollenverteilung war wieder da.

Im März 2007 konnten dann Christian Mangels, Erwin Prieß und Ralf Fröhlich auf der „CUX `66 – Oldie-Party“ vor 1300 Gästen in der Kugelbake-Halle Cuxhaven das Buch präsentieren und „The Spacemen“ standen vor ihren Fans aus den 60ern auf der Bühne.

Obiges Foto stammt aus dem Jahr 2007 und zeigt: Peter Meyer leadg., Reiner Benecke rhythmg., Ralf Fröhlich drms., Uschi Nerke Beat-Club, Appel Höpcke bssg., Heinz Rehse voc.

spacemanwebWer gerne mehr lesen möchte, der kann bitte hier klicken: www.cuxhaven-beat.de
Mehr über die 60er in Cuxhaven gibt es hier bei uns zu lesen: „We Got Our Kicks…“

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Ein Gedanke zu „THE SPACEMEN – Eine Band in den 60ern im hohen Norden

  1. Ralf Fröhlich

    Vielen Dank, dass Ihr unsere Story so nett in eurer Website aufgenommen habt!
    Die und komplette Geschichte und natürlich noch viel mehr sensationelle Veröffentlichungen/Abbildungen aus den 60ern gibt’s in unserem Buch.
    In herzlicher Verbundenheit
    Ralf

    Antwort

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