1962 – Mit der Bahn nach Eskiltuna – Teil 1

schwedenText und Fotos von Peter Roese
*
Die Partnerstadt meiner Heimatstadt Erlangen in Schweden ist Eskilstuna, das westlich von Stockholm liegt. Eines Tages hörte ich davon, der Stadtjugendring würde im Sommer 1962 eine Fahrt dorthin organisieren. Ich meldete mich an und bekam einen Platz. Die Bahnfahrt sollte von Nürnberg über Hannover, Hamburg, Kopenhagen, Helsingborg und Linköping nach Eskilstuna führen.

Beaufsichtigt wurden wir von zwei kummervoll dreinblickenden Erziehern. Gott weiß, was die schon so alles mit Jugendgruppen erlebt hatten! Wie üblich bei solchen Ereignissen, kamen einige der Fahrtteilnehmer prompt in letzter Sekunde angekeucht. Die Fahrt bis Hamburg verlief, soweit ich mich erinnern kann, ziemlich ereignislos, denn wir fuhren nachts und die meisten Teilnehmer pennten so gut sie konnten auf unbequemen Sitzen. Ab Hamburg wurde es dann schon interessanter, denn da stiegen einige schwedische Schulklassen zu, alles Mädels, so um die 17, 18 Jahre. Nun kam der schlitzohrige Schorsch zum Einsatz, der ein Wörterbuch Schwedisch-Deutsch/Deutsch-Schwedisch dabei hatte. Schorsch, Hans und ich hatten ein Abteil entdeckt, in dem zwei der Schülerinnen alleine saßen.
schweden2“Prima, da kann ich doch gleich meine Schwedischkenntnisse testen”, meinte der Schorsch großspurig. Er betrat das Abteil und rief fröhlich: “God Morgon!” Dann blätterte er in seinem Wörterbuch. “Verdammt, ich finde keine Redewendung für: Können wir uns setzen?”
Die Mädels kicherten. Eines von ihnen verstand wohl Deutsch und machte eine einladende Handbewegung. Wir ließen uns nicht zweimal bitten und plumpsten in die Sitze. Wie gesagt, der Schorsch war ein Schlitzohr und Draufgänger, blätterte weiter in seinem Wörterbuch und ließ gleich einen Kracher los.
“Hier, das interessiert die Mädels sicher: Jak älskar dig, Bysthällare, Strumphällare und Damtrikäbyxor.”
Während er feixend vorlas, betrat eine ältere, streng dreinblickende Dame, das Abteil.
“Schämen Sie sich, junger Mann”, fuhr sie Schorsch an, “den Mädchen zu erzählen, ich liebe Dich und dann noch Damenunterwäsche beschreiben, das ist doch die Höhe! Ich werde mich bei Ihrem Lehrer beschweren.”
Das tat sie auch und wir erhielten einen Rüffel. Jetzt wußten wir auch, warum unsere Erzieher so sorgenvoll dreiblickten! Ja, wir hatten den ersten Skandal auf unserer Reise, dem noch mehr folgen sollten. Aber uns juckte das nicht weiter. Wir hatten jedenfalls die Lacher auf unserer Seite …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s