„Wer keine Träume hat“….von Günter Zint

zintgruppeDer bekannte Journalist und Fotograf Günter Zint aus Hamburg sandte uns den nachfolgenden Beitrag mitsamt den Fotos. Wir bedanken uns!
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Als Journalist und Reporter habe ich besonders intensiv den Werdegang der 68er Generation verfolgt. Heute sitzen diese Menschen in Schlüsselpositionen der Politik und Wirtschaft. Ich mußte erleben wie ein APO-Studentenführer zum Wirtschaftsführer wurde und heute Großbankiers mit Rat und Tat zur Seite steht.

Ich habe erlebt wie ein anderer SDS-Genosse zum Geschäftsführer der SPD Hamburg aufstieg und ein Weggefährte gleichzeitig auf dem Stuhl des Innensenators Platz nahm. Nach den Morden in Mölln ließ dieser Innensenator eine türkische Trauerversammlung am Hamburger Flughafen auseinanderprügeln. Im Nachhinein wurde dieser martialische Akt als Folge einer Fehlinformation erklärt, aber vergeblich warten die Angehörigen der Möllner zintdemo1Mordopfer auf eine Entschuldigung des Ex-Genossen. Ein Barrikadenkämpfer aus Frankfurt wurde sogar Außenminister. Auch ein Innenminister kam aus dem APO-Lager und zeigte sich dann als Hardliner der ganz tüchtigen Sorte.
Mehrere Genossen sind sogar ins rechte Lager, bis hin zur NPD gedriftet.
Auch ist die BILD Zeitung, deren Auslieferung diese „Karrieristen“ Ende der Sechziger Jahre blockierten, Teil ihres Machtinstrumentes geworden. Gern und oft wird diese Zeitung als Sprachrohr genutzt.

zintauto2Glücklicherweise gibt es aber auch noch einige Menschen aus dieser Zeit, die nicht nur an die Vermehrung ihres persönlichen Wohlstandes denken, und die auch heute noch aktiv einmischen, wenn politische Entscheidungen ausbleiben oder versagen.

Trotzdem, der „Neue Mensch“ wurde 1968 nicht geboren und die verhinderten „Revolutionäre“ kleiden sich heute mit Armani-Klamotten, kaufen Designer- Möbel und Hi-Tech Elektronik vom Feinsten in den großen Mediamärkten. Unzählige Fernseh- und Radiosender, Filme auf DVD´s und hochglänzende Zeitgeistmagazine ersparen uns die reale Auseinandersetzung mit dem, was um uns herum passiert.
Nach der Grenzöffnung 1989mussten wir Westlinken erkennen, daß auch in der Ex-DDR nach 40 Jahren befohlenem Staatssozialismus, der „Neue Mensch“ nicht geboren war.

Die Jugendbewegungen im Westteil unseres Landes hatten wenigstens einige Lernprozesse bewältigt, die im Ostteil nur langsam vorangehen. In Ostdeutschland hat sich nach der Wiedervereinigung, durch den nicht gewohnten Umgang mit Fremden und Minderheiten einerseits, und durch die plötzliche Konfrontation mit Werbung und Luxus andererseits, Frustration und Sozialneid aufgebaut, der sich zur Zeit in Nationalismus und Minderheitenhetze entlädt.

Trotzdem habe ich die Hoffnung, daß sich im Ostteil Deutschlands demnächst auch positive Überbleibsel des „verordneten“ Sozialismus zeigen werden. Dort gibt es eine ganze Reihe von jungen Menschen, die auch die positiven Seiten einer sozialistischen Gesellschaft schätzen gelernt haben.
zintfestivalVor 45 Jahren trafen sich Millionen Jugendliche auf Festivals und Veranstaltungen, die das Motto „Give Peace a Chance“ hatten.
Es ist 45 Jahre her, daß Martin Luther Kings Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit durch eine Gewehrkugel beendet wurde.
Es ist auch 45 Jahre her, daß die Bildzeitung und ein politischer Wirrkopf auf Rudi Dutschke schoß und damit viele junge Menschen aus ihren Träumen riß.zinthippies2

Es ist 45 Jahre her, daß ich keine Steuern mehr zahlte, da ich erst nach der Revolution den neuen Staat unterstützen wollte.
Das hatte böse Folgen. Statt der Revolution kam eine Steuerprüfung und eine Nachzahlung, die meine Fotoagentur fast ruiniert hätte. Auch meine Träume wichen Alltagssorgen. Mit der Steuernachzahlung half ich unfreiwillig dem „Genossen“ Helmut Schmidt die Nachrüstung und die Atomwaffenstationierung zu finanzieren.
Ich schöpfte neue Hoffnung als sich Millionen Menschen in der Anti-AKW Bewegung engagierten. Auch die Friedens- und Öko-Bewegung machte mir wieder Mut und gaben unserer Arbeit Sinn.

Zur Zeit befinden wir uns in einer politischen Bewegungspause, die von Frust und Unsicherheit geprägt ist und auch unsere Arbeit lähmt. In kleinen Gruppen gibt es noch Aktivisten die in den Bereichen Ökologie, Umwelt- und Minderheitenschutz tätig sind. Die Bewegung KEIN MENSCH IST ILLEGAL arbeitet aktiv für Flüchtlinge die nach Deutschland kommen.
Doch trotz der vielen aktiven Organisationen fehlt eine starke Volksbewegung.

zintdemo2Wo sind die hunderttausend Demonstranten die Wackersdorf verhindert haben? Wo sind die Aktivisten aus Borkdorf und Gorleben. Vor dem Verkehrsministerium müßten sie nun stehen, um ein Verkehrskonzept zu verhindern, daß Realitätsfern und von Großmannssucht geprägt, Autobahnen und Schnellstraßen für das 21. Jahrhundert schaffen will. Früher waren Straßen als Verbindungswege gedacht, heute drohen sie in ihrer Überzahl unsere Landschaften in kleine Betonbiotope zu zerstückeln um einen überdimensionierten und teilweise unnützen Warenverkehr zu ermöglichen. Seit dem Ende des Postmonopols habe ich bis zu 6 Lieferfahrzeuge auf meinem Hof. Das konnte früher 1 Postbote schaffen. Viele weitgereiste Produkte in unseren Supermärkten gibt es aus unserer Region in gleicher Qualität.
Aber auch andere Ziele für neue „Jugendbewegungen“ gibt es massenhaft. Verpackungswahn, Müllprobleme, Konsumzwang, Gentechnologie, Rassismus, Wohnungslosigkeit durch überteuerte Mieten…um nur einige Brennpunkte zu nennen.
Alle politischen Bewegungen kamen Wellenweise.
Zur Zeit herrscht fast Ebbe.

Doch ich warte mit einer Schar von FreundInnen, MitstreiterInnen und TräumerInnen auf eine neue Welle, die zu mehr taugt als nur zum Surfen.
Nutzt Eure schlaflosen Nächte!
Wer keine Träume hat, hat keine Kraft zum Kämpfen….

Text von Günter Zint (73 Jahre alt) Juli 2014
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Günter Zint / PAN Foto

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