Die 60er – Politik, Diplomatie und Beat in Bonn

godes2Von Klaus Berger aus Bonn erhielten wir den folgenden Beitrag mitsamt den Fotos und Zeitungsartikeln. Wir bedanken uns!
*
Politik und Diplomatie hatten in der ehemaligen Bundeshauptstadt vielfältigen Einfluss auf die damalige Beatszene in Bonn. Viele Bands profitierten davon, dass sich im Bereich des diplomatischen Personals natürlich auch Jugendliche befanden, die ihren musikalischen Tatendrang durch aktives Musizieren in Beatbands austoben wollten. Dies taten sie dann auch, allerdings in unterschiedlicher Art und Weise:
.
In der Regel schlossen sie sich einer der Bonner Bands an, in der sie dann mitspielten – bis die Eltern (das Schicksal aller Diplomaten) entweder in den Heimatstaat oder in ein anderes Land versetzt wurden und sie dadurch Bonn verlassen mussten.

godesIn ganz besonderer Weise profitierten damals die Bands aus Bad Godesberg von dieser personellen Unterstützung. Der Grund war einfach: Die meisten der damaligen diplomatischen Vertretungen hatten sich nicht direkt in der Stadt Bonn, sondern in der beschaulichen und damals noch eigenständigen Stadt Bad Godesberg angesiedelt (Bad Godesberg wurde erst 1969 nach Bonn eingemeindet). Bad Godesberg trug deshalb auch den Beinamen „Diplomatenstadt“.

Nutznießer dieser personellen Unterstützung waren zum Beispiel die Godesberger „Suiciders“, bei denen im Laufe ihrer vierjährigen musikalischen Existenz gleich zwei ausländische Mitglieder spielten:

Denis Brown (Foto 1) aus der amerikanischen Siedlung in Plittersdorf und Enrique Nuguid ( Foto 3), der aus Indonesien stammte, trommelte für die bzw. spielte Gitarre bei den „Suiciders“.godes3
Bei den Godesberger
„Desperados“ spielte der Diplomatensohn Jonny Jasin (Foto 2) mit, der 1964 die Gruppe aber wieder verlassen musste, da sein Vater nach Indonesien zurückberufen wurde.

Aber auch Bonner Bands erhielten „diplomatische“ Verstärkung,
wie zum Beispiel “Pinky Blue”, bei denen Lars ( Foto unten links)  und Poul Larsen, die beiden Söhne des dänischen Botschafters, mitspielten,
bis sie 1968 wieder in Richtung Dänemark godeslarsentschwanden.

Eine weitere Möglichkeit der musikalischen Betätigung für Diplomatensöhne war, sich deutsche Mitglieder für ihre Band zu suchen. Eine solche Gruppierung war

„Two Plus One“, die aus zwei Amerikanern und einem Deutschen bestand:

Oder man gründete eine Band, die nur aus Mitgliedern der diplomatischen Vertretung bestand, wie zum Beispiel die rein amerikanischen Gruppen „Abstracts“ und „Gremlins“ (unten mehr dazu).

godeszwoplus

 

Große Bedeutung in der Bonner Beatszene hatte auch ein Auftrittsort, der in der amerikanischen Siedlung im Bad Godesberger Stadtteil Plittersdorf lag: Der „Hideaway Teenclub“. In den frühen 50ern wurde in Plittersdorf die HICOGE-Siedlung (High Commissioner of Germany) gebaut, in der „die Amerikaner“ einzogen. Es gab dort unter anderem eine typisch amerikanische Kirche (American Protestant Chapel), ein amerikanisches godesztg1Einkaufszentrum, ein amerikanisches Kino, eine amerikanische Bibliothek, eine amerikanische Elementary- und Highschool und den „Amerikanischen Club“, in den Staatsoberhäupter wie der damalige amerikanische Präsident Kennedy und Bundeskanzler Adenauer kamen. Es war „Klein-Amerika“. Im Keller dieses „Amerikanischen Clubs“ befand sich der „Hideaway Teenclub“, in dem viele der Bonner Bands, aber auch rein amerikanische, wie die „Abstracts“ und die „Gremlins“, auftraten.
Ich selbst habe mit meiner Gruppe nie dort gespielt, bin aber gelegentlich bei den Auftritten der „Guards“, die mindestens elfmal dort spielten, dabei gewesen. Einer dieser godesztg2Auftritte ist mir noch als besonders peinlich in Erinnerung – das allerdings nicht wegen des Auftritts der Band, sondern wegen meines eigenen Verhaltens. Aus entsprechendem Anlass hatte ich im Untergeschoss der Clubs die Toilette aufgesucht. Als ich die Kabine wieder verlassen wollte, hörte ich plötzlich Mädchenstimmen. Mir dämmerte, dass ich wohl aus Versehen durch die falsche Tür gegangen sein musste. Da mir die Peinlichkeit der Situation bewusst war, wartete ich ab, bis die Mädels den Raum wieder verlassen hatten. Genau das aber passierte nicht, denn laufend kamen neue hinzu. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mir ein Herz zu nehmen und aus der Kabine herauszukommen. Kaum hatte ich dir Tür geöffnet, verstummten schlagartig alle Gespräche. Teils entsetzt, teils erstaunt wurde ich angestarrt. So schnell ich konnte stürmte ich die Treppe in den Saal hoch und verschwand in der tanzenden Menge.

godesdiploPolitik und Beat begegneten sich in Bonn auf Augenhöhe. In der Presse wurden Personalia aus der Bonner Beatszene neben Personalia aus der Bundespolitik publiziert (siehe rechts) und selbst bei öffentlichen Veranstaltungen waren Ort und Zeit gelegentlich identisch. So traten im Januar 1967 sowohl Konrad Adenauer als auch die KINKS zeitgleich im mehrstöckigen Veranstaltungsgebäude „Bonner Bürgerverein“ auf. Der Einlass erfolgte allerdings durch unterschiedliche Zugänge!
Zwei Jahre zuvor schon konnten die Teilnehmer einer politischen Veranstaltung dort mit Konrad Adenauer das „Skinny Minnie“ von Tony Sheridan zwei Etagen tiefer hören.

Natürlich profitierten die Bonner Beatbands auch von den vielen Veranstaltungen, die in den Botschaften, den Landesvertretungen, den Ministerien oder im Pressebereich stattfanden.godesvaga

Die „Vagabonds“ ergatterten einen Auftritt im Bundeskanzleramt, dem Palais Schaumburg. Geschniegelt und gestriegelt spielten sie zum Tanz auf. Am Schlagzeug sitzt Martin Samuel, der später in Großbritannien mit den Gruppen „The Crew“ und „Heatwave“ mehrere Singles herausbrachte.

godespresseballMusikalisch immer etwas los war auch bei dem jährlich in der Bonner Beethovenhalle stattfindenden Bundespresseball. Hier hatten 1970 die „Nightshades“ das große Los gezogen:

Zur Erlangung eines Autogramms hatten sich die beiden Bandmitglieder
Wolfgang Mett und Klaus Wilke bei dieser Veranstaltung durch den Sicherheitsgürtel des damaligengodespresse2 Bundeskanzlers Willy Brandt gekämpft, waren dann aber doch noch von den Bodyguards des Kanzlers festgehalten worden.

Mit dem Hinweis „Lassen sie die Herren ruhig zu mir“ löste Willy Brandt dieses Problem,  so dass sie doch noch an ein Autogramm des Kanzlers kamen.

Mehr über die Bonner Beatszene (alle Bonner Bands, überregionale Bands mit Auftritten in Bonn, alle Auftrittsorte, Bonn in den 60ern einschließlich aller Plattenläden) kann auf meiner Homepage www.bn-beat.de gelesen und gesehen werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s