1961 – Von Pfadfindern, Patronenhülsen und Skiffle-Partys

aufnäher3Text und Fotos von Peter Roese
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Ich war in Erlangen bei den Pfadfindern. Unser Pfadfinderheim, eine altersschwache, ehemalige Wehrmachtbaracke aus dem 2. Weltkrieg, lag nicht weit vom Schießplatz der Amis entfernt. Wir hörten immer ganz deutlich, wenn die rumballerten. Wenn Ruhe einkehrte, warteten wir etwas, schwangen uns auf die Räder und fuhren hin. Was die alles liegen ließen: Einsatzverpflegung, Werkzeuge, Ponchos, Kugelschreiber, Schießscheiben und natürlich die heißbegehrten Messing-Patronenhülsen.

Das war bares Geld! Wir sammelten alles ein. Die Patronenhülsen packten wir in alte Kartoffelsäcke und brachten sie zum Schrotthändler. Der haute uns Jungs natürlich gewaltig übers Ohr. Daraufhin stiegen wir ab und zu nachts über den Zaun, holten uns den einen oder anderen Sack wieder, und verscherbelten sie dem Schrotthändler noch mal.
aufnäher2 Mit den Schießscheiben hatte einer der Jungs eine geniale Idee: Damit konnten wir doch unsere Bude im Pfadfinderheim verschönern!
Der Vater des Genies hatte zufälligerweise ein Tapetengeschäft und spendierte einen Sack Tapetenkleister. Enthusiastisch machten wir uns an die Arbeit.
Mein Freund Jürgen tapezierte gerade fleißig auf der Leiter die Holzwand zum Nachbarzimmer, als diese sich neigte und im Zeitlupentempo in das Nachbarzimmer fiel. Jetzt mußten wir sehen, das wir sie wieder aufrichteten. Da kam einer auf die Idee, wir könnten die Wand doch einfach ein Stück ins Zimmer der Nachbargruppe versetzen, um so unser Zimmer ein wenig vergrößern. Gesagt getan, wir machten uns an die schweißtreibende Arbeit. Als wir dann schließlich fertig tapeziert hatten, sah man keine Spuren dieser Freveltat mehr.
aufnäher1 Jahre später traf ich dann einen Typen von der Nachbargruppe und erzählte ihm die Geschichte mit der Wand. Der hat sich kaputtgelacht. Als er sich wieder beruhigt hatte, meinte er, sie hätten damals das Gefühl gehabt, das mit ihrem Zimmer etwas nicht stimmte. Die sind aber nicht draufgekommen, was da war.
So mit 15, 16 Jahren haben wir dann eine Skiffle Group gegründet. Ich habe recht und schlecht Besenbaß gespielt. Mein Freund Jürgen hat das Waschbrett beackert. Er hat übrigens später weitergemacht. Eines Tages konnten wir unsere Pfadfinder-Oberen soweit bringen, daß wir, selbstverständlich unter Aufsicht (!), eine Party mit Mädels feiern durften. Ich tanzte eng umschlungen mit so einer süßen, blonden Zuckerpuppe … und dann … ich habe das Bild heute noch vor Augen, gab der morsche Fußboden nach, das Blondinchen entglitt meinen Armen stand auf einmal bis zu den Hüften in dem Loch. War das eine Gaudi …

Weitere Geschichten aus den 60ern kann man in dem Buch „Allgäu-Sixties“ lesen.
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P.S.: die (Aufnäher) “military badges” (Kennzeichen von Einheiten und Waffengattungen) stammen von damals, die habe ich von GIs geschenkt bekommen oder eingetauscht.
Die “Old Ironsides” ist die “First Armoured Division”, die Erste Panzerdivision. Teile davon waren im meiner Heimatstadt Erlangen stationiert.

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