1964 – Blues in Thüringen

tautzLothar Tautz, Bundesvorstand von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ e. V., sandte uns diesen Artikel, eine Rezension des Buches „Das Kunden-Buch“ von Michael Rauhut. Auch das Foto aus dem Jahre 1966 stammt von ihm. Wir bedanken uns!
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Wer 1964 als Jung-Teenager das Glück hatte, in Erfurt zu wohnen und in eines der begeisternden Konzerte der „Spotlights“ zu geraten, war in seinem Musikgeschmack und Willen zur Aufmüpfigkeit geprägt für´s ganze Leben. Dabei wären die vier Jungs im weißen Hemd und mit Lederschlips rein äußerlich für jede Schwiegermutter akzeptabel gewesen – nur der Sound… : „Diese Negermusik kommt mir nichts ins Haus“, sprach mein Vater streng und machte das Radio aus, wenn „She Loves You“ ertönte. Mit „I Cant Get No Satisfaction“ brauchte ich erst gar nicht anzufangen: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen: Mit Gotte, dem späteren Sänger der Beatband in der gleichen Schule, sind wir zusammen als Kinder zu Martini mit der Gitarre von Haus zu Haus gezogen, um Süßigkeiten singend. Da hatte uns die Elterngeneration noch freundlich begrüßt. Nun waren wir Teenies und lernten unter starkem Gribbeln im Bauch auf dem gleichen Instrument Rhythmen, die Herbert Roth das Grausen gelehrt hätten. Unseren Eltern allerdings auch.
Nach dem familiären Beatverbot im Kinderzimmer ließen die Bandverbote auf der Tanzdiele trotz adrettem Äußeren der Musiker und ihrer Fans nicht lange auf sich warten: Dass die Spotlights jetzt „Rampenlichter“ heißen mussten, half nichts. Ulbrichts Beatverbot 1965 war umfassend und wir nahmen Radio und Tonbandgerät mit unter die Bettdecke, in den Keller oder die Bodenkammer. Dort hörten wir zum ersten Mal den Blues und wurden getröstet. In meinem Fall war es Alexis Corner: „Ich arbeit´ mir von früh bis spät den Buckel krumm. Und wenn ich zum Feierabend auf die Uhr schau, sind erst zwei Stunden um…“.
So es war gar kein Wunder, dass aus den verbotenen Rampenlichtern gleich drei Bluesbands entstanden: Jürgen Kerths „Unisono“, die „Nautiks“ und später „Blues Vital“. Ob die Thüringer eine besondere Affinität zum Blues haben? Das sollen die Musikhistoriker herausfinden. Fakt ist jedenfalls, dass diese Stilrichtung – eigentlich eine Lebenshaltung – im Thüringer Unterholz auf besonders fruchtbaren Boden fiel und sich hier der musikalische Underground besonders breit und nachhaltig entwickelte.
Dies nachzuzeichnen ist Michael Rauhut mit dem „Kundenbuch“ angetreten, wo er auf 158 Seiten einfühlsam und gleichzeitig akribisch den „Blues in Thüringen“ von der Entstehung in den 60ern bis zum Ende der DDR (und dessen Überleben bis zum heutigen Tage) vorstellt. Hier steht geschrieben, was für jede Generation gilt: „Jugendliche suchten nach Wegen zur Selbstverwirklichung jenseits der staatlich abgesteckten Bahnen, nach schrankenloser Kommunikation und Spaß und fanden sie im Kraftfeld der Musik.“ (S. 13) Nur dass die DDR ein Gesellschaftssystem zum Ziel hatte, wo frohes Jugendleben außerhalb der FDJ grundsätzlich suspekt war und (für die Betroffenen) unmerklich in den Verdacht der Staatsfeindlichkeit geraten konnte.
Was war denn schon dabei, wenn man zu seiner Lieblingsband nach Linderbach oder Wandersleben trampte, weil die in den Städten nicht mehr spielen durfte und dort nach einem heißem Bluesabend gleich auf der Wiese hinterm Wirtshaus übernachtete, weil eine Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht möglich war? Die Stasi war dabei: „Die Konzentration vieler negativer Elemente sowie die unkontrollierte Übernachtung stellte eine ernste Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit dar.“ (S. 14)
Nach Schluss der Veranstaltung hätte ein Linienbus zurück in die Bezirkshauptstadt genügt, um der ernsten Gefährdung zu wehren. Der Verdacht taucht auf, dass die politisch anfangs harmlosen Blueser erst durch die Staatsorgane zu Staatsfeinden gemacht wurden. Aber einmal der Schule entronnen und aus der FDJ ausgetreten, lebte es sich ganz schön ungeniert. „Gern zeigte sich der Kunde als Bürgerschreck. Er trieb mit Habitus und Haltung den Blutdruck all jener in die Höhe, denen der Sinn von Blues und langen Haaren verschlossen blieb“. (S. 41) Wobei die Frage zu beantworten wäre, ob darin denn ein Sinn lag.
Für Rauhut lautet die Antwort eindeutig „Ja“ und zwar für alle nachwachsenden Generationen bis 1989. Die Stasi selbst schätzt jedenfalls noch 1985 den Blues a la DDR so ein: Seine Gefolgschaft verstünde ihn „teilweise als Protestlied gegen bestehende sozialistische Gesellschaftsverhältnisse“ (S. 53).
Aber die Thüringer Jugendlichen wären nie auf die Idee gekommen, allein zum Zwecke des Protestierens in den 70ern zu Modern Blues oder in den 80ern zu Angelika Weiz zu fahren. Es war die eigene Lebenshaltung der ´negativen Elemente´, die ihnen wenigsten nach Feierabend oder zum Wochenende beim Happening im Tanzsaal die Flucht aus dem „real existierenden Sozialismus“ ermöglichte: „Wer den Einlass passiert hatte, betrat quasi rechtsfreien Raum. Hier war es eng, laut und verqualmt. Flaschen wurden herumgereicht, Bier, Wein und Schnaps in rauen Mengen ausgeschenkt. Manchmal pumpte der Alkohol das Adrenalin in die Höhe. Trotzdem ging es friedlicher zu, als in jeder Dorfdisko. Über dem Chaos schwebte der Geist von >Love & Peace Was nicht heißt, dass die Sorge der Staatsorgane unberechtigt gewesen wäre, im Umfeld des Blues wüchsen immer wieder antiautoritär gesinnte Nonkonformisten heran, die im Zweifelsfall bereit sind, sich auch politisch zu äußern. Das war 1968 nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Prag der Fall (S. 18), 1976 nach der Biermann-Ausweisung (S. 66) und 1981 im Zusammenhang mit der kirchlichen Friedensinitiative „Schwerter zu Pflugscharen“ (S. 55).
Überhaupt darf nicht unerwähnt bleiben, welche wichtige Rolle die Thüringer Kirche mit ihrer bereits seit den 60er Jahren entwickelten „Offenen Arbeit“ (S. 69ff) spielte. „Oh Doctor Jesus: Der Blueser in der Kirche“ (S.65), das war doch der Typ, der „Make Love, Not War“ eigentlich mal erfunden hatte. Was brauchten die Jugendlichen da Marx, Engels und Lenin, geschweige denn solche Witzfiguren, wie Ulbricht, Honecker und Krenz.
Der erste, der ihnen diesen kompromisslosen Friedensfreund nahebrachte, war Walter Schilling aus Braunsdorf (S. 95f, 135), ein ganz kleines, völlig unbedeutendes Dorf, in eben diesem Thüringer Unterholz gelegen, von dem anfangs schon einmal die Rede war. Schilling, selbst immer wieder zugleich in Opposition mit Kirchenleitung und Staatsorganen, war für viele Blueser der erste Pfarrer, mit denen sie überhaupt in Kontakt kamen. Seine Predigten waren Reden über das Alltagsleben, die Kanzel verfügte über einen Kanzelaschenbecher und das meist gespielte Lied in seinem Gottesdiensten war „Blowing In The Wind“ von Bob Dylon. Was Wunder, dass seine junge Freizeitgottesdienstgemeinde, wieder nachhause zurückgekehrt, spätestens nach dem traditionellen Fürbittengebet schreiend aus der Kirche rannte. Der ausgleichenden Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass die ortsübliche Christengemeinde zu Schillings Gottesdiensten erst gar nicht mehr hinging. Zumindest, solange die Blueser die Kirche annektiert hatten.
Die Kirche wurde und blieb bis zum Ende der DDR Rückzugsort und Ausgangspunkt für neue Aktionen. Und die gehörten in den öffentlichen Raum. „Wenn die Blueser, getreu der Flower-Power-Ideale, auch Konfrontation verabscheuten, so wollten sie doch ihr Anderssein kommunizieren. Bot sich die Chance einer administrativen Landnahme, verließen sie die Nischen des Dorfsaal-Undergrounds (und der Kirchenräume – d. Verf.). Sie okkupierten traditionelle Freiluftveranstaltungen – Städtejubiläen, Volks-, Heimat- und Pressefeste, die für DDR-Verhältnisse ein hohes Maß an Toleranz erlaubten. Hier wurde tagelang gezecht, gefeiert und getanzt.“ (S.111f) Trotz Repressalien, Bespitzelungen, Zuführungen und Haftstrafen (S. 113f) ließen sie sich von den öffentlichen Plätzen nie ganz vertreiben. Das Bluesfest in Bad Berka und der Apoldaer Bluesfasching sollen hier für alle anderen stehen, wo die Zahl der teilnehmenden „Kunden“ bis 1989 jedes Jahr in die Tausende ging.
Über die Rolle der Blueser in der Herbstrevolution sagt das Buch nichts. Das Thema wäre eine weitere Untersuchung wert. Aber über den „Blues in Thüringen“ gibt es umfassend Auskunft. Lehrern, Jugendarbeitern und Zeitgeschichtlern sei es eine Pflichtlektüre. Allen anderen, die ihre eigene Jugend (noch nicht) vergessen haben, sei es zum freiwilligen Lesen empfohlen. Mit einer Kerze, einer Kerth-Platte und einer Flasche Cabernet werden vielleicht Glück und Schmerz der Teenagerezeit wieder lebendig, kurz, das Buch selbst zum Blues.

Michael Rauhut, Das Kunden-Buch, Blues in Thüringen
176 Seiten, zahlreiche Fotos
Hg. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen 2011, ISBN 978-3-937967-78-3
Das Taschenbuch ist kostenlos in der Landeszentrale erhältlich.

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