1969 – Zu Besuch bei einer deutsch-amerikanischen Familie

jeepText und Foto von Peter Roese
*

Meine damalige Freundin hatte eine Tante, die mit einem Sergeant der US Army verheiratet war. Die wollten wir mal übers Wochenende besuchen. Die Tante wohnte mit ihrem Mann in der Housing Area Paul Revere Village, in Karlsruhe. Die Mutter meiner Freundin lieh uns für diese Fahrt großzügig ihren nagelneuen Opel Kadett.

Der Besuch war eine prima Gelegenheit “The American Way of Life” kennenzulernen. Die Wohngegend der verheirateten Angehörigen der Army machte einen adretten Eindruck, mit gepflegten Rasenflächen, Sportplätzen, Parkplätzen mit allen möglichen Typen von Amischlitten, Grillplätzen usw.
Alles war auffällig beschildert, damit nur ja kein GI oder ein Familienmitglied verloren ging.
Die Tante empfing uns herzlich im familiären Allgäuer Dialekt, gespickt mit Wörtern im US-Kaugummi-Slang. Die Wohnung war erst mal gewöhnungsbedürftig für uns, denn es gab keinen Flur, man landete gleich im Wohnzimmer.
Vorhänge und Gardinen gab es keine, die hielten die Amis offensichtlich für Schnickschnack. Na ja, das waren ja auch unnötige Staubfänger.
Bald kam auch der Onkel vom Dienst, eine imposante Erscheinung, in seiner makellosen, oliven Uniform. Er brachte zwei große, prallgefüllte Papiertüten aus der PX, dem Supermarkt der US Army.
Das Abendessen brachte er buchstäblich eimerweise mit. Das waren Kentucky Fried Chicken, Flügel und Schenkel, die in gewachsten Pappdeckeleimern verkauft wurden. Dazu gab es Salat in Kunststoffschalen und verschiedene Sorten Dressing, die in Kunststoffbeutel eingeschweißt waren.
Die Krönung bildeten wunderschöne bunte, quietschsüße Donats und Coca Cola.
Die Tante fragte, ob wir noch Eier zum Abendessen haben wollten, “boiled, scrambled, upside down, sunnyside up, easy over.” Da waren wir Besucher baff, das war alles ungewöhnlich für uns, das mußten wir erst einmal verarbeiten. Auf die Eier verzichteten wir, obwohl es das Einzige in natürlicher Verpackung war. Statt dessen machten wie uns über den Salat her, nachdem wir ordentlich Dressing draufgequetscht hatten.

Während das ganzen Abendessens lief der Fernseher. Warum der lief, war nicht ganz klar, denn kein Mensch schaute hin.
Nachdem wir mit dem Essen fertig waren, sah der Wohnzimmertisch aus wie ein Schlachtfeld, bedeckt mit einem riesigen Haufen Abfall aus Kunststoff, Pappdeckel und Papier, aus dem makaber Knochen herausragten.
Vom Geschirrspülen hält die amerikanische Hausfrau nichts, die ganzen Eßwerkzeuge waren zum Wegwerfen.
Wir lernten an diesem Wochenende allerlei kulinarische Spezialitäten der Amis kennen, von denen einige für uns Mitteleuropäer, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig waren.
Dazu gehörten die Hot Dogs, die wir tatsächlich nach dem ersten Versuch für Hundefutter hielten, Sandwiches mit dem pappigen Weißbrot, Squash and Butternut (
im Ofen gebackener Kürbis) usw. BLT (Bacon, Lettuce, Tomatos), Hamburger, Chilli usw gingen noch so. Pizza, geröstete Maiskolben, French Fries (Pommes) und Taco waren hingegen echte Leckerbissen.
Über alles erhaben aber war die Kartoffelsuppe der Tante, die diese noch von Ihrer Mutter im Allgäu beigebracht bekommen hatte.
Abends beim Fernsehen gab es dann neben Miller’s Beer und Cola geröstete Erdnüsse, Kartoffelchips und anders Knabberzeug. Das alles kannten wir noch nicht.
Am letzten Abend gab es ein Barbecue vor dem Haus, zusammen mit einigen Nachbarn. Die üblichen Riesensteaks wurden gerillt, dazu gab es Pommes.
Aus dem Kofferradio dudelte Country&Western Music. Beatles, Stones und Konsorten waren verpönt, allerhöchstens Elvis und Jonny Cash waren noch zu hören.
Der Onkel hielt eine Überraschung für mich bereit: Er schenke mit eine
Bluejeans-Jacke aus den 50er Jahren, wie sie Buddy Holly trug.
Ich war ganz gerührt.
Die Jacke habe ich übrigens heute noch.

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2 Gedanken zu „1969 – Zu Besuch bei einer deutsch-amerikanischen Familie

  1. minibares

    Wow, das war ja echt was Besonderes.
    Das Ganze war damals für uns halt noch fremd. Alles klar.
    Schon schlimm, dass eigentlich alles vorgefertigt war. Damals kochte die gute Hausfrau noch alles selbst.
    Dass du die Jeans-Jacke noch hast, das ist ja genial.

    Antwort
  2. Peter M. Roese

    Hallo Babsi,
    ja, der Besuch bei der deutsch-amerikanischen Familie war schon ein besonderes Erlebnis. Viele Dinge, die uns damals unbekannt waren, gehören heute zu unserem Alltag. Wenn ich mir das heute so überlege, haben wir doch unglaublich viel von den USA übernommen . Allerdings bin ich mir, wenn ich so die US-Fernsehserien- und Filme ansehe, die über den großen Teich kommen und von unseren Sendern übernommen werden, nicht sicher, ob das zu unserem Besten ist.
    Viele Grüße
    Peter

    Antwort

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