It’s the inner evolution, stupid!

ritter1Von Christa Ritter erhielten wir den nachfolgenden Text und auch die Fotos.
Wir bedanken uns!
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Wie sieht eine so wichtige Zeit wie der 68er Aufbruch mit heutigen Augen aus? Wir haben gewonnen? Trotz meiner Anfälle von Depression würde ich sagen: Ja! Denn die autoritär patriarchale Welt löst sich seit dieser radikalen Kündigung meiner Generation immer schneller auf. Nationen ade, Institutionen und Ismen vorbei. Alle ins Netz! Das Private ist politisch, tanzen heute die jungen Commons. Diesen Tanz erfand damals meine Generation.

Um 1967/68 hatten sich plötzlich die düsteren Wirtschaftswunder-Wolken verzogen. Ich fühlte mich frei, alles in Frage zu stellen, alles auszuprobieren, mich zu erfinden. Liebevoller, zärtlicher. Davon waren in Deutschland vor allem die Berliner Happenings und Sit-Ins der Kommune I geprägt, davon erzählte der weltweite Sound, auch die bunten Klamotten sowie unsere frech-kindlichen Love-Ins.
Ich war damals nicht sonderlich politisch. Mich interessierte mein Leben, es irgendwie gut hinzukriegen, Freude zu haben, glücklich zu werden. Vielleicht: mich zu erfüllen. Endlich bewegte ich mich wie ich wollte, nämlich hedonistisch in der provinziellen Düsseldorfer Szene und hatte eine Riesenfreude. Ich turnte mit meinen Freunden auf allen Tischen und Stühlen, auch den Schreibtischen. Irgendwie ekstatisch, im Rausch jedenfalls, abgehoben. Offenes Haus, alles teilen, auch die Kohle, jeden lieben, ob Männer oder Frauen, ständige Party.
ritter2Da ich im Art-Bereich einer hippen Werbeagentur arbeitete – Werbung ging revolutionär gesprochen eigentlich gar nicht – düste ich häufig hin und her zwischen Fotostudios in London, Paris und der Stadt am Rhein. Ich dachte, so könnte das Leben gehen, außen bezogen, wie ich war. Make Love not War! Nach diesem einen luftigen Jahr eines Körperaustritts meiner Generation stürzten wir aus diesem grenzenloseren, weil virtuelleren Gefilde zurück in die Niederungen, in den Schatten unserer großartigen Vision. Ich landete zurück im Alltag der täglichen Gewalt, sah wenig Himmlisches. Mit feministisch scharfer Zunge erdolchte ich meinen Freund, sympathisierte mit der RAF und entsorgte irgendwie selbstverliebt zwei Föten. Meine Angst vor dem Leben und dem Frausein, eine innere Verkrampfung als meine tägliche Besitz-Gewalt, alle ursprüngliche Programmierung war zurück. Ich misstraute allen und jedem, auch dem Staat und einer brutalen Welt der Ellenbogen. Das Private ist politisch? Nur bei Männern, schimpfte ich mit meinen frauenbewegten Schwestern. Männer sind die Bösen, die uns unterdrücken. Sie müssen sich ändern! Während mir der Nachklang meines 68er Höhenflugs gleichzeitig flüsterte: Die Gewalt ist nicht draußen, es sind nicht die bösen Männer, sie ist in dir. Verwirrung, Scham, Verdrängung. Erste Versuche von Meditation, natürlich bewusstseinserweiternde Drogen, Reisen in die exotische Ferne. Alles Versuche, wieder oben zu fliegen, zurück im All. Sogar den Psychiater versuchte ich. Zurück in die alte Welt, mehr schien er mir nicht anzubieten. Nein, danke!
Wie eigenbestimmt kann eine Frau im Zirkus unserer höllischen Waren- und Körperwelt werden? Mutter und Beziehungsfrau sein? Ich hatte solche Rollen als Gefängnis erkannt, das ich vermeiden würde. Schließlich hatte ich meine Mutter erlebt: Sie war talentiert, hatte Charme, war voller Elan. Aber als Ehefrau meines Vaters, der das Geld verdiente, war sie gekauft. Du darfst keine Ehefrau werden, keine Mutter? Alles Fallen, Beziehungsfallen?
Ich war dann immer länger ziemlich verzweifelt, oft depressiv und leer, als ich dieses neue Leben einer selbstbewussten Privatheit, gepaart mit Zärtlichkeit für mich und andere nicht subito und beflügelt hin bekam. Ich war irgendwie zurück im alten Gefängnis, gab mich selbstherrlich, arrogant, lächelte frau-mäßig über alle möglichen Probleme hinweg. Bevor ich vielleicht doch noch den Mut fand, mich umzubringen, traf ich Ende der Siebziger Jahre den rettenden Horror-Kommunarden Rainer Langhans. Er war gerade dabei, sich post-Obermaier als Sucher des Inneren zu erfinden. Von ihm würde ich Selbstveränderung lernen. Ja, genau, darum ging es: Sich selbst verändern. Das Private: Schritt um Schritt auf den Prüfstand und dann durch den Reißwolf. Dahinter zurück im Paradies? Aus dem schlechten autoritären Leben, aus der eigenen verinnerlichten Gewalt eines materialistischen Fremdverständnisses heraus Sterben zu lernen, um seinen authentisch eigenen Sinn zu finden. Sonst bleibst du in der Projektion: Du haderst weiter mit den bösen Männern, Konkurrentinnen, draußen bleibt jeder und jede dein Feind. Hol die Projektion also zurück: Alles bist du. Nur dort geht Veränderung und die ist ein Weg und nicht das Ziel und sie dauert ein Leben lang und muss mühsam errungen werden. Puh, atemlos. In all den langen Jahren schien mir immer mal wieder, dass ich vom Weg abgekommen bin. Weil die Selbstveränderung so mühsam ist und so lange dauert. Dass ich an Besitz und Körpern immer noch fest klebe, statt mich freudig und kreativ auf meinem ganz persönlichen Wachstums-Weg unbeirrt voran zu bewegen. Alles ist gut!
ritter3Seit fast 40 Jahren gehe ich mit Rainer und vier Frauen als weibliche Kommune oder virtueller Harem diesen schwierigen Weg. Getrennte vier Wände, aber derselbe unruhige Forscher-Geist, der jeden von uns zwar immer wieder einbrechen lässt, letztlich aber doch weiter beflügelt. Sich selbst zu erkennen, zu verbessern, ist verdammt schwer, so meine traurige Erfahrung. Es war ein Schock für mich, wie tief meine Untertanen-Prägung reicht: Was er (Rainer, jeder Mann) tut, ist erstmal besser als alles, was ich tue. Er muss machen, während ich ihn dafür bewundere. Mein Blick als Frau klebte geradezu an ihm, bevor ich vielleicht (mit zunehmendem Alter, daher weniger Körper!) auch mich ins volle Bild rücke. Um noch entschiedener Schritt um Schritt weiter den Krieg mit mir selbst innen zu führen. Verlängert sich unsere Lebenszeit genau für diesen wesentlichen Prozess? An klaren Tagen merke ich immerhin, dass sich mein Leben verbessert hat. Zumindest ein wenig und schon dafür hat es sich gelohnt.
Nicht nur unter uns Harems-Verrückten, auch überall in Europa lösen sich schon lange die alten kriegerischen autoritären Werte auf. Wir haben in Deutschland den gehorsamen Untertan mit der Wende 1989 endgültig verlassen, probieren ganz unterschiedlich die maßgeschneiderten Kleider. Nicht kriegerisch, eher im ständigen Konflikt. Pegidas, Shitstorms und TV-Talks: Verhandeln statt Auslöschen. Immer mehr Menschen scheinen zu sagen: Wir sind auf dem Weg, wollen zärtlicher werden, indem wir uns selbst verändern. Auch deshalb kommen die Flüchtlinge zu uns. Während in ihrer Heimat noch die Waffen die Suche nach Identität bestimmen. Wer bin ich? Diese Frage treibt inzwischen alle Menschen um. Das Private ist politisch!

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