1960 – Die Liebe ist ein seltsames Spiel (Connie Francis)

bambergplakat Von Prof.Dr. Hans-Peter Ecker, Universität Bamberg, erhielten wir den nachfolgenden Artikel. Wir bedanken uns!
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In diesen Tagen tummeln sich an der Universität Bamberg im Rahmen einer sog. Sommeruniversität rund hundert Studentinnen und Studenten aus 25 Ländern, um vier Wochen lang die deutsche Literatur, Sprache, Kultur und Landeskunde kennenzulernen. Seit nun schon fünf Jahren hintereinander konzipiere ich dafür das Programm, wobei es mir wichtig ist, immer wieder ein Thema zu finden, das für möglichst alle interessant ist, wissenschaftlich ergiebig, aber auch politisch relevant, denn ich verstehe unsere Sommeruniversität als großes Begegnungsforum, das über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg einen freien Gedankenaustausch über kontroverse Wertvorstellungen und Verhaltenskonventionen anregt.

Zum Thema der diesjährigen Sommeruniversität „Liebe ist ein seltsames Spiel“ (Untertitel: „Huldigungen, Verteufelungen und theoretische Reflexionen in Literatur, Kunst und Musik“) hat mich ein Schlager von Connie Francis aus dem Jahre 1960 angeregt, der sich über die Jahre hinweg als Ohrwurm in meiner Erinnerung gehalten hat. Schlager haben unter Literaturwissenschaftlern und sonstigen Kunstbeflissenen ja nicht den allerbesten Ruf (obwohl sich das in letzter Zeit ein wenig zu ändern scheint, vgl. Martin Rehfeldts Blog populärer deutschsprachiger Lieder https://deutschelieder.wordpress.com/), aber sie besitzen – im Falle der besseren Exemplare ihrer Art – doch die Kraft, gewisse Formeln zu liefern, die Menschen emotional berühren und manchmal sogar hinsichtlich ,lebensphilosophischer‘ Grundhaltungen beeinflussen.

Connie Francis Schlager besitzt wohl einiges von dieser Qualität. Dafür spricht neben seiner Resistenz in meinem eigenen Hörgedächtnis auch der Umstand, dass ihm Rainer Moritz in seinem Reclam-Band „Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen“ einen eigenen Essay eingeräumt hat, den Rainer Max, damals Lektor bei Reclam, verfasst hat. Im Grunde geht es in dem Lied um die Bewältigung von Liebeskummer, wobei das Problem im Unterschied zu vergleichbaren Lösungen im Schlager der Zeit – „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“, „So schön kann doch kein Mann sein“ etc. – hier durch eine Art philosophische Einsicht in die ambivalente und vom Betroffenen nicht kontrollierbare Gewalt des Eros angegangen wird. Dass es einem nicht aus den Kopf geht, hängt sicher wesentlich mit der starken, metallisch-klaren Stimme der Francis zusammen und ihrem leichten italo-amerikanischen Akzent, aber vielleicht auch mit den semantischen Widerhaken im Wortlaut des Refrains, dessen Sinn nicht ganz schlüssig aufgeht. Da gibt es nicht den Widerspruch von der Bezeichnung der Liebe als „Spiel“, mit ihrer anschließenden Personifizierung, sondern auch die merkwürdige Behauptung, dass sie uns „viel zu viel“ gebe, also gewissermaßen unsere Kräfte übersteige.

Wie auch immer: Als ich diesem Schlager zu ersten Mal begegnet bin, war ich gerade einmal sieben Jahre alt und damit mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den Mysterien der Liebe noch ziemlich fern gestanden; dennoch hat er sich in mein Gedächtnis so tief eingegraben, dass er noch 55 Jahre später hinsichtlich der Gestaltung einer internationalen wissenschaftlichen Großveranstaltung Wirkung entfaltete. Selbstverständlich bin ich in meiner Eröffnungsrede auf Connie Francis eingegangen und habe unseren Gästen auch ihren Schlager nicht vorenthalten.

Prof.Dr. Hans-Peter Ecker, Universität Bamberg

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